Archiv für November 2008
Abgemahnt
29. November
Nach dem guten Gespräch kommt nun per Einschreiben die Frist zum Auszug. Wohl mit Mühe möglichst freundlich verfasst. Unverbindlich für sie – verbindlich für mich. Wie sowas eben ist. Aber ja eine Drohung. Das erste offizielle Schriftstück zur Trennung kommt auf einem ordinären Schmierzettel daher. Eine Weichenstellung für drei Leben auf einem schmuddeligen, zerknitterten mit Kugelschreiber fahrig hingeschmierten Karopapier. Bin nicht sicher, ob es unter diesen Umständen Sinn hat, überhaupt noch einmal über gegenseitigen Respekt und Wertschätzung zu sprechen. Eine Angst wird juristisch wirksam bekämpft, eine andere beginnt sich zu bestätigen. Gesagt wird mir, dass bei Problemen man andere Regelungen finden kann. Aber gesagt wurde schon so viel. Und erinnert dann so wenig. Und dann ist da ja noch dieser Schmuddelzettel. Und der ist dann, was zählt. Wie kann die Abscheu gegenüber manchen Handlungen so nah bei der Liebe für eine Person liegen? Ich bin so weit von einem Verstehen und von einem Verstanden-Werden wie noch nie.
Anziehung
Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um. Der Mond
versammelt Wolken im Kreis. Das Eis auf dem See hat
Risse und reibt sich. Komm über den See.(Sarah Kirsch, “Zaubersprüche”)
[Nachtrag]
Obendrauf gab es beim Öffnen und Lesen noch diesen Kommentar: “Du wirst ja immer erst bei größtmöglichem Druck von Außen aktiv.” (quasi als Begründung). Schade, dass man Zuneigung und Füreinander Dasein nicht per Einschreiben als Druck von Außen versenden kann. Das geht nur mit sowas.
Und doch auch ein wunderschöner Tag. Kochen mit Redsch-Jr. Ohne ihre Gegenwart ist er ein anderer Kleinmensch. So aufmerksam, so zärtlich – wenn wir nicht gerade toben. Bewundert den Adventskranz, sagt stolz das neue Wort “Mii-nuute”, erst leise, dann einmal laut. Ich sehe ihn mit den Augen den Zeiger verfolgen, denke: Wie glücklich nicht das Zerrinnen von Zeit zu verstehen. Freude auf morgen, wenn die erste Kerze brennt. “Morgen”, das versteht er schon. Und dieses Verstehen ist der Anfang vom Ende der Freiheit. Sein sonstiger Trotz ist wie mit ihr zusammen verflogen. Traurig schaut er, dass sie heute erst spät zurück ist. “Mama nochmal reinguckt?!?”. Ja, ich bin sicher. Das wird sie. Was er wohl fragt, ob er wohl fragt, bei mir?
[2. Nachtrag]
Falsches und Wahres ist nicht in den Dingen,
sondern im Geist.6. Buch der Metaphysik
(( Ich habe keine sieben Häute mehr, die mich vor dem Durchbrechen von Angst und Abwehr bewahren würden. Und seit heute ist es wieder eine weniger. Jetzt liegen die Knochen schon fast ganz frei. ))
If you really ..
27. November
Nach weiteren Häßlichkeiten doch noch ein Gespräch. Erstes gegenseitiges Zuhören seit Wochen. Am Ende droht wieder die Eskalation. Gerade noch gut gegangen. Zwei haben sich bewegt. Zwei ihre Ängste benannt. In diesen Gesprächen verführt die “Besonnenheit” dazu, die Herausforderungen und die Schwierigkeiten des “Vorhabens” auf beiden Seiten zu unterschätzen. Daher nur ein vorsichtiger status quo von mir, der vielleicht bei Angstabbau helfen würde, wenn’s denn jemand mitkriegt:
You know, we’re all put on this earth to be happy.
We all deserve to be happy. Everyone on the planet deserves to be happy.
And they can’t kill our joy. We can’t let ‘em do that.You can’t control an independent heart
Can’t tear the one you love apart
Forever conditioned to believe that we can’t live
We can’t live here and be happy with less
So many riches, so many souls
Everything we see we want to possessIf you need somebody, call my name
If you want someone, you can do the same
If you want to keep something precious
You got to lock it up and throw away the key
If you want to hold onto your possession
Don’t even think about meIf you love somebody, set them free.
Ich kann nicht mehr sagen, als dass ich das versuchen will. Und: Natürlich macht es mir Angst. Aber nicht nur.
(( Noch nie zuvor so erschöpft eingeschlafen. ))
Gestern Nacht
… waren wir auf einmal wieder zu dritt.
26. November
Gestern Nacht war eine Nacht der erträumten Nähe. Über 2 geliebte Menschen schauen, die ihren Frieden schlafen. Sende [ihnen] all meine Hoffnung. Erkannt, wo die Mitte meines Lebens ist. Wie gern wäre ich näher und schlösse die Augen.
(( Tags dann ein neuer Schritt. Wer ihn wohl mitgeht? Und ein ganzer Haufen gute und weniger gute Überraschungen. ))
Ein schlimmer Abend für Redsch
Redsch musste erst dreimal um den Block gehen, um an der frischen Luft darüber nachzudenken, ob man eine Liebeserklärung per Online-Tagebuch als “ekelhaft” empfinden kann, sich davon unter Druck gesetzt fühlen. Jetzt hat Redsch gelernt: Kann man wohl.
Zurückweisung ist dann am Schlimmsten, wenn sie “erwartungsgemäß” eintritt.
(( Redsch bleibt jedenfalls vorerst bei dem, was sein Herz ihm rät. ))
Warum denn gerade “Sirach”?
Die Namenswahl findet hier bei Wikipedia eine einfache Erklärung:
Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät;
denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden.
Denn mit seinem Herzen kann ein Mann oft mehr erkennen,
als sieben Wächter, die oben auf der Warte sitzen.(Sirach 37, 17-18)
Und es ging Redsch bei der Auswahl nicht um das dort ebenfalls zu sehende Bilderrätsel.* Dieses wiederum entbehrt natürlich in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Prägnanz. [An dieser Stelle muss Redsch lachen.]
* Auflösung: “Ich wolte lieber bey Löwen und Drachen wohnen, als bey einem bösen Weib.”
Mut, Freunde und Angst
Hier sind also die ersten Seiten aus Redsch Sirachs Tagebuch. Es liegt ganz offen in seiner Wohnung, so dass jeder Bewohner und Gast einen kurzen oder längeren Blick werfen kann. Für alle anderen gibt es hier die abfotografierten Seiten sowie (Redschs Handschrift lässt manchmal zu wünschen übrig) die wichtigsten Passagen als Texte. Bei Interesse verschickt Redsch auch gern hochauflösende Bilder. Schreibt ihm einfach ein E-Mail und sagt dazu, welche Tagebuch-Seite Ihr Euch ganz aus der Nähe anschauen wollt. So – genug der Vorrede.
24. November
“Mut” — 1/2 krank, halb verängstigt, halb wütend, halb fröhlich. So viel Hälften hat kein Mensch. Streiche Angst, Krank, Wut. Bin froh, war richtig so.
Ein jeglicher Freund spricht wohl:
“Ich bin auch Freund;”
Aber etliche sind allein
mit dem Namen Freunde.
Wenn Freunde einander Feind werden,
so bleibt der Gram bis in den Tod.
Ach, wo kommt doch das böse Ding her,
dass die Welt so voll Falschheit ist?
Wenn’s dem Freund wohl geht, so freuen sie sich mit ihm;
wenn’s ihm aber übel geht, werden sie seine Feinde.
[Das Buch Jesus Sirach 37,1]
25. November
“Angst” — Nur noch 1/8 krank, aus morgendlicher Restwut bleibt Enttäuschung und die Traurigkeit der Wahrheit zurück. Aus Streit wird Angst — aus Angst wird Bewegung mit letzter Kraft. Wenn man jeden Tag die dann “letzte Kraft” für Gutes einsetzt. Dann, dann hat man Hoffnung. Dann lebt man wieder aus dem Herzen. Und: Alles kommt zurück, was man gibt. Im Guten und auch. – Aber das ist jetzt OVER.